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Wie lehrt und lernt man Design zukunftsweisend?

Weißbuch "Designing Design Education", Herausgeber iF Foundation, Verlag avedition; top view; Rezension Servicedesign NürnbergEs ist keine geringere als Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, die mit ihrem Grußwort „Designing Design Education“, das „Weißbuch zur Zukunft der Designlehre“, eröffnet. Herausgegeben von der iF Design Foundation im Stuttgarter Verlag avedition, umfasst das Werk die Ergebnisse einer fünfjährigen Studie von 250 Expertinnen und Experten aus vier Kontinenten. Die zentrale Frage: „Wie muss das Designstudium gestaltet sein, um mit den Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur Schritt zu halten, sondern diese zu gestalten?“ (Buchrückentext). Eine Frage, die auch auf den Ansatz des im Jahr 2021 von der EU ins Leben gerufenen Neuen Europäischen Bauhauses einzahlt. „Das neue europäische Bauhaus wird eine treibende Kraft sein, um sich auf innovative bürgernahe Weise mit dem Green Deal auseinanderzusetzen – auch über die europäischen Grenzen hinaus“, so von der Leyen einleitend im Buch.

Konkreter wird der Anspruch an Gestaltung im zweiten Grußwort, dem von Dieter Rams, Schlüsselfigur für das wegweisende Design der Marke Braun. Der weltweit angesehene Industriedesigner konstatiert: „Die Gestaltung unserer Dingwelten hat komplexe funktionale, psychologische, gesellschaftliche und nicht zuletzt politische Auswirkungen“ (S. 13). Doch wie kann ein Studiengang die Studierenden an so vielschichtige und komplexe Herausforderungen heranführen?

Im Oktober des Jahres 2016 finden die ersten Forschungen zu den Qualitäten der Designlehre statt, die in dem Buch „Designing Design Education“ dokumentiert werden. Die darauffolgenden Hearings in den Jahren 2019-2020 sind eine Reise „In 80 Fragen um die Welt“. So treffen sich Arbeitsgruppen aus Experten in Europa (Gmund), Amerika (Pasadena), Afrika (Johannesburg) und Asien (Kyoto) und erörtern die gesammelten Fragen, um zu Kernaussagen zu gelangen. Es verwundert nicht, dass diese zahlreich und vor allem auch unterschiedlich sind. Dennoch gelingt es den Verfassern des Buchs zur Zukunft der Designlehre, 18 Kernaussagen zu treffen, die die Arbeitsergebnisse aller Hearings repräsentieren. Sie für diesen Artikel weiter herunterbrechen zu wollen wäre anmaßend. Lesen lohnt!

Begleitet werden die Dokumentationen der Hearings von griffigen Essays. So provoziert beispielsweise Ekkehart Baumgartner in „Die denkende Hand“: „der Begriff des Designs und des Designers ist, möchte man einen menschlichen Vergleich ziehen, ein Burnout-Patient in der Notaufnahme“ (S. 136). Zu sehr sei der Begriff des Designs entwertet worden, indem er auf eine Sinn- und Stilproduktion reduziert worden sei. Dementsprechend plädiert er für die Rückbesinnung auf die Denkende Hand, ein symbiotisches Wortbild von Horst Bredekamp, der diesen Begriff im Zusammenhang mit Forschungen über Galileo Galilei schöpft, um zu konstatieren: Galilei war Wissenschaftler, weil er auch Künstler war. Denkend und kreativ! Fazit für Baumgartner: „Wir alle profitieren davon, wenn die Designerin oder der Designer die Denkende Hand erhebt“ (S. 142).

Weitere Essays sind von Annette Diefenthaler, Sushi Suzuki und Lani Adeoye verfasst und tragen aussagekräftige Titel wie „Design und das US-amerikanische Bildungssystem“, „Design und traditionelles Handwerk in Japan“ und „Kultur vor und nach dem Design“. Die Fragestellungen liegen auf der Hand: Wo kommt Design her, wo muss es hin? In welche Wechselwirkung mit Kultur, Tradition, Gesellschaft muss es treten, um nachhaltig gestalterisch wirksam zu sein?

Das Buch zur Zukunft der Designlehre mündet in 15 Konzepte, die die Arbeitsgruppen als Ergebnis ihrer Hearings erarbeiten. Immer wieder wird dabei klar, dass Design eine Cross-Disziplin ist, deren Lehre und Ausführung einen geschützten Raum benötigt. Hier muss Austausch und Diskussion stattfinden, gelernt und experimentiert werden, gedacht und angeregt, ent- und verworfen werden. Das und viel mehr, in einem endlosen Prozess, der auf Neugierde, Empathie und dem Willen zum lebenslangen Lernen basiert.

„Dieses Buch will keine Belehrung abgeben, sondern Erhellung anregen“, so der Vorstand der iF Design Foundation in den Personen Christoph Böninger, Susanne Schmidhuber und Fritz Frenkler im Vorwort des Buches (S. 19). Die iF Design Foundation ist Herausgeber von „Designing Design Education – Weißbuch zur Zukunft der Designlehre“, in dem betont wird, dass Design immer auch den konstruktiven Umgang mit Unwissenheit, das laterale Denken, die Interdisziplinarität von Teams, die dynamische Veränderung und Unschärfe an der Peripherie bedeutet. Eine Disziplin in kontinuierlicher Evolution. Deren Lehre folglich selbst einer konstanten Entwicklung unterworfen bleibt.